Medikamente richtig einnehmen

Lebensmittel können Wirksamkeit von Medikamenten beinträchtigen
Richtig ist wichtig
Wer über einen längeren Zeitraum Medikamente einnehmen muss, der steht vor einer großen Herausforderung, denn die meisten Arzneien wirken nur, wenn sie korrekt eingenommen werden. Und nicht nur das, es gibt auch unerwünschte Wechselwirkungen zu Lebensmitteln. Bekannt ist den meisten noch, dass man allgemein auf Alkohol verzichten sollte, wenn man Medikamente einnehmen muss. Schon kleinste Mengen können deren Wirkung vermindern oder verstärken und oft endet diese Kombination mit Übelkeit, Kopfschmerzen, Atemnot, Herzrasen oder Blutdruckabfall.

Unbekannter dürften andere Wechselwirkungen sein. Gesundheitsbewusste und Kinder greifen morgens gern zum schnellen Müsli. Kein Problem, solange sie nicht auf Schmerzmittel mit Acetylsalicylsäure oder Paracetamol zurückgreifen. Ballaststoffreiche Lebensmittel verzögern oder verhindern die Aufnahme der Wirkstoffe im Dünndarm. Somit bleibt das Schmerzmittel wirkungslos. Die Folge: Die meisten Patienten steigern die Dosis und riskieren langfristig eine Schädigung von Leber und Nieren.
Bei der Einnahme von Eisentabletten auf Kaffee, Rhabarber und Spinat verzichten
Bei der Einnahme von Antibiotika, sollte man mindestens zwei Stunden lang auf Milchprodukte verzichten. Diese können die antibakterielle Wirkung der Arznei einschränken und die Entwicklung von Resistenzen begünstigen. Dann wirken die Tabletten nicht mehr. Vorsicht ist auch bei Grapefruit geboten. Es kann zu Wechselwirkungen mit Medikamenten gegen Bluthochdruck oder Herzrhythmusstörungen kommen. Der Inhaltsstoff Naragenin hemmt das wichtige Enzym CYP3A4 in der Darmwand, das für den Stoffwechsel verantwortlich ist. Grapefruit und deren Saft erhöht die Konzentration der Arzneiwirkstoffe im Blut weiter, was zu Herzrasen führen und sogar lebensgefährlich sein kann. Sogar sonst gesundes Gemüse kann die Wirkung bestimmter Pillen ungewollt verstärken. Gerade Brokkoli und andere grünen Gemüse enthalten viel Vitamin-K, was die Wirkung von Gerinnungshemmern wie Marcumar oder Heparin negativ beeinflusst.
Nicht nur Lebensmittel beeinflussen die Wirksamkeit von Medikamenten. „Es gibt zahlreiche Arzneien, die sich gegenseitig in ihrer Wirkung beeinflussen“, weiß Martin Katzenbach, Pressesprecher der Apotheker in Nordrhein. „Zum Beispiel können Johanniskraut-Präparate verhindern, dass andere Arzneimittel ihre volle Wirkung entfalten.“ Kalziumtabletten beispielsweise können die Wirkung von Herzmitteln verstärken. Mögliche Folgen sind Herz-Rhythmus-Störungen. „Das Risiko unerwünschter Arzneimittelwirkungen besteht vor allem bei älteren Menschen“, erklärt Katzenbach. Senioren haben häufig mehrere Grunderkrankungen. Ein Viertel aller Patienten nimmt regelmäßig mehr als sechs unterschiedliche Arzneimittel ein. Nicht selten werden diese auch noch von verschiedenen Fachärzten verschrieben, so dass die Gefahr von Wechselwirkungen steigt und Laien leicht den Überblick verlieren.
Der Rat der Fachleute also: So schwer es auch fällt, den Beipackzettel genau lesen. Im Zweifel gilt die goldene Regel: Ein Medikament braucht meist etwa zwei Stunden, bis sich der Wirkstoff im Körper vollkommen aufgelöst hat. Am besten sollte man in dieser Zeit nichts essen und trinken.
Wer Medikamente falsch einnimmt, riskiert nicht nur, dass sie nicht wirken
Die Deutschen Blisterunion (DBU) hat Studien gesammelt, die belegen, dass nach vier Wochen jeder zweite Patient die Medikamente nicht mehr so einnimmt, wie vorgeschrieben. „Mit gravierenden Folgen“, wie der Bielefelder Apotheker und Mitinhaber des Blisterzentrums OWL Dietmar Müller meint.

Risiko Nummer eins: Das Medikament kann seine Wirkung wegen der fehlerhaften Einnahme nicht entfalten. Der Arzt muss eine höhere Dosis verschreiben oder die Medikation ändern. Risiko Nummer zwei: Da die Arznei nicht anschlägt, verschlechtert sich unter Umständen der Zustand des Patienten. Er muss ins Krankenhaus. Müller zitiert aus einer Studie vom Gesundheitsökonomen Prof. Karl Lauterbach. Demnach soll jede fünfte Krankenhauseinweisung auf Fehlmedikation zurückzuführen sein.

Um seinen Standpunkt zu untermauern, führt Müller als zweites eine Studie des Instituts für Pharmakologie in Kopenhagen von 2006 an. Untersucht wurden 19 000 Patienten im Alter zwischen 65 und 89 Jahren. Die Zahl der Krankenhaus-Einweisungen sank nach der Umstellung auf Blister, also speziell vorsortierte und verpackte Tabletten, um 57 Prozent, die Verweildauer um 62 Prozent. Die DBU hat diese Zahlen auf Deutschland übertragen und kommt zum Ergebnis, dass die Kosteneinsparung pro Patient pro Jahr bei gut 1200 Euro liegen würde.

Unerwünschte Wechselwirkungen bei Selbstmedikation

Allein im vergangenen Jahr haben die deutschen Apotheker 8.300 Verdachtsfälle auf Arzneimittelrisiken an ihre Arzneimittelkommission (AMK) gemeldet. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen standen dabei im Mittelpunkt. Laut einer Studie resultieren 75 Prozent der arzneimittelbezogenen Probleme aus falscher Selbstmedikation. Das heißt, ungeeignete Präparate, falsche Dosierung, Missbrauch oder zu lange Anwendungsdauer. Erfreulich: 90 Prozent der Probleme konnten direkt in der Apotheke gelöst werden.

Besonders kritisch wird es, wenn Patienten ihre Arzneien im Internet bestellen. „Es ist leichtsinnig, Medikamente im Internet zu bestellen, ohne sich vorher über den Versender informiert zu haben. Diese können andere oder gar keine Wirkstoffe enthalten und unter Umständen tödlich sein“, erklärt Christiane Sieling, Amtsapothekerin der Stadt Bielefeld. Anders sieht es bei seriösen Versendern aus. Christiane Sieling: „Bei einem behördlich zugelassenen Versender sehe ich kein Problem.“ Gemeint ist das DIMDI-Siegel des Deutschen Instituts für medizinische Dokumentation. Es ist an eine behördliche Genehmigung gekoppelt. „Das DIMDI-Siegel ist wichtig. Es sind allerdings auch schon Fälschungen aufgetreten. Dass es sich um ein echtes Siegel handelt, ist daran zu erkennen, dass es sich bei dem Anbieter um eine Apotheke mit einer realen Adresse in Deutschland handelt“, so Christiane Sieling.

Prof. Harald G. Schweim, Leiter des Lehrstuhls „Drug Regulatory Affairs“ der Universität Bonn, hingegen sieht auch das Siegel kritisch. Er sagt: „Das DIMDI-Siegel ist besser als nichts. Aber das Siegel ist leicht zu fälschen. Es ist schon gefälscht worden und es gibt kein Bewusstsein für Sicherheit, denn keiner kennt dieses Siegel.“ Schweim selbst hat vor zwei Jahren selbst das Siegel mit legaler Software kopiert und auf eine fiktive DIMDI-Seite gestellt. „An der Kritik hat sich nichts geändert. Was wäre erst möglich, wenn unter bösartigen Gesichtspunkten gehandelt wird?“, fragt Prof. Schweim, räumt allerdings auch ein: „Mir ist kein Fall bekannt, nach der eine nach deutschem Recht zugelassene Versandapotheke in einen Skandal verwickelt wurde. Allerdings gibt es im Vergleich zu ausländischen Anbietern nur wenige.“